Iran2022
Baraye
Shervin HajipourDie Geschichte hinter dem Song
Nach dem Tod von Mahsa Amini im September 2022, einer jungen Frau, die wegen angeblich falsch getragenen Kopftuchs festgenommen worden war und im Gewahrsam der Sittenpolizei starb, begannen Menschen in Iran in den sozialen Medien ihre Gründe für den Protest aufzuschreiben. Jeder Beitrag begann mit demselben Wort: baraye, „für“ oder „wegen“. Shervin Hajipour nahm diese Tweets und baute daraus ein Lied, eine Zeile pro Tweet.
Herausgekommen ist so etwas wie eine Liste der Nöte eines ganzen Landes: die Rechte von Frauen und Kindern, Geflüchtete und Tiere, Umweltzerstörung, Armut, Gottesstaat, Korruption, Meinungsfreiheit, am Ende der Protestruf Frau, Leben, Freiheit. Im Video singt Hajipour in einem Zimmer vor einer fest stehenden Kamera, zu jeder Zeile erscheint ein Screenshot des ursprünglichen Tweets mit dem Namen der Verfasser. Am 28. September 2022 stellte er das Lied auf Instagram. In weniger als zwei Tagen kam es auf rund 40 Millionen Aufrufe, dann wurde Hajipour am 29. September festgenommen und der Song gelöscht. Am 4. Oktober kam er gegen Kaution frei.
Da ließ sich das Lied längst nicht mehr zurückholen. „Baraye“ wurde in Schulen, Universitäten und auf Straßen in Iran und weltweit gesungen, im französischen Senat abgespielt, im kanadischen Senat in Übersetzung vorgelesen und vor dem Stadion beim WM-Spiel England gegen Iran gehört. Es wurde das meistgecoverte Protestlied in der Geschichte Irans. Im Februar 2023 gewann es den ersten Grammy für den besten Song für sozialen Wandel, und Hajipour schrieb nach Monaten des Schweigens nur: Wir haben gewonnen. Es bleibt ein Lied, das im wahrsten Sinn Tausende Menschen mitgeschrieben haben.