Irland1971

On Raglan Road

The Dubliners

Die Geschichte hinter dem Song

„On Raglan Road“ begann als Gedicht von Patrick Kavanagh, einem der bedeutendsten irischen Dichter des 20. Jahrhunderts. Er schrieb es über Hilda Moriarty, eine junge Medizinstudentin, in die er sich im Dublin der 1940er Jahre verliebte. Er war fast doppelt so alt wie sie, ein mittelloser Poet, und sie erwiderte seine Gefühle nicht. Die Raglan Road ist eine reale Straße im Viertel Ballsbridge, wo er ihr immer wieder begegnete. Später wurden die Verse auf die überlieferte Melodie „The Dawning of the Day“ (Fáinne Geal an Lae) gelegt. Luke Kelly von den Dubliners machte das Lied zu seinem eigenen, nachdem er Kavanagh, so erzählte er es, in einer Dubliner Kneipe getroffen und vom Dichter den Segen zum Singen erhalten hatte. Kellys schmuckloser, schmerzdurchdrungener Vortrag verwandelte einen privaten Liebeskummer in ein nationales Kleinod. An der Oberfläche ist es eine zärtliche Ballade über eine aussichtslose, unerwiderte Liebe: ein Mann, der die Gefahr erkennt und dennoch den verwunschenen Weg geht, während er beobachtet, wie die Jahreszeiten vom Herbst in den Winter kippen und die Romanze verblasst. Darunter aber liegt eine zweite Bedeutung. Kavanagh entwirft sich selbst als Künstler, der einer sterblichen Frau die geheimen Gaben seiner Kunst schenkt, jene Zeichen, die nur den Eingeweihten der wahren Künste vertraut sind, nur um zu erfahren, dass sie nichts gelten. Das Schlussbild, ein Engel, der dem Irdischen den Hof macht und dafür im Morgengrauen seine Flügel verliert, ist das Urteil des Dichters über sich selbst: Wer zu menschlich liebt, fällt aus einer höheren Berufung. Diese Verbindung von schlichtem Schmerz und literarischer Wucht, getragen von Kellys Stimme, macht es bis heute zu einem der kostbarsten Lieder Irlands.